Mozart
würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, wenn er mit ansehen müßte,
was die Besitzer des Clubs St. Blasia mit seiner Entführung aus
dem Serail angestellt hatten. Doch Frost fand das, was sich auf
der Bühne abspielte, ausgesprochen unterhaltsam. Er saß an einem der
kleinen, runden Tische in der Mitte des Clubraums. Es ging auf
Mitternacht zu, und das St. Blasia war immer noch bis auf den
letzten Platz gefüllt. Hier in Salzburg hatten die Ereignisse des
11. Septembers dem fröhlichen Nachtleben in keiner Weise Abbruch
getan – man vergnügte sich wie eh und je.
Die Musik – eine verstümmelte Version a la Best of –
kam aus der Konserve. Dazu tummelten sich auf der Bühne die Akteure
zwischen überwiegend rot ausgeleuchteten Kulissen. Diese erinnerten
mehr an einen heruntergekommenen Hinterhof als an ein Landgut im
osmanischen Reich. Zudem verlief das Treiben nur selten
deckungsgleich mit der Handlung der Oper. So hatte Osmin dem
Blondchen Knall auf Fall das Haremskostüm vom Leib gerissen, die
Nackte auf einen Strafbock geschnallt und solange bastoniert, bis
sie ihm gehörig einen blies.
Frost schnippte nach der Bedienung, orderte ein zweites Bier. Die
nur mit einer Federmaske Bekleidete servierte umgehend das Getränk,
während oben auf der Bühne Blondchen nun von Bassa Selim a tergo
bestiegen wurde.
Mehr als zwei Jahre lebte Frost schon im Berchtesgadener Land hinter
den Klostermauern von St. Johannes. Dort war er untergetaucht,
nachdem er den Mörder seiner Halbschwester, den Arbeitsdirektor
Klaus Zinner, in der Werkshalle der Ruhrstahl AG auf glühendem Eisen
zergrillt hatte.
Die Eintrittskarte für St. Johannes
hatte Frost vom Basken bekommen, einem einflußreichen Stammgast
seiner alten Freundin Lady Blanche. Frost nannte den kleinen,
drahtigen Mann Baske, auf Grund der Mütze, die er getragen
hatte, als Frost ihn zum ersten Mal zu Lady Blanche hatte gehen
sehen. Von ihm wußte Frost auch: Das Kloster gehört zu dem
feingesponnenen Netz von Einrichtungen, welches der Schwarze Ring –
eine Organisation, die sich als außerparlamentarische Opposition
versteht – über die gesamte Republik spannt.
Gleich nach Frosts Ankunft im Kloster nahm Bruder Jakobus, der Abt
von St. Johannes, ihn beiseite und sagte mit gütiger Stimme, als
bete er eine Strophe des Rosenkranzes: »Bruder Robert, das Leben
hinter diesen Mauern wird nicht immer einfach sein, für einen Mann
wie dich. Wenn es dich also von Zeit zu Zeit gelüstet nach dieser
Welt dort draußen, dann sei bitte diskret.«
Obgleich Frost die Kirche seit seiner Jugend verabscheute, war er
doch in den ersten Monaten froh gewesen über die Abgeschiedenheit
und den Schutz, den ihm seine Mönchszelle bot. Klaglos nahm er im
Kloster teil am stets gleichbleibenden Tagesrhythmus. Das half ihm,
allmählich Lelas Tod und Zinners Exekution als unauslöschlichen
Bestandteil seines Lebens zu akzeptieren. Hin und wieder erinnerte
er sich auch daran, was er auf der Sonnenuhr im Garten von Lelas
Vater gelesen hatte: Tempus edax rerum. Die Zeit verschlingt
alle Dinge.
Der Kontakt nach draußen war anfangs spärlich. Gelegentlich
strolchte er durch das Berchtesgadener Land und um den Chiemsee. Mit
Spidermike traf er sich zweimal am Münchner Flughafen. Beim ersten
Treffen brachte Spider Frost ein neues Powerbook mit – so konnte er,
wenn ihm der Sinn danach stand, die Tür ins Netz öffnen. Beim
zweiten Mal unterschrieb Frost alle notwendigen Vollmachten, damit
Spider Frosts Elternhaus in Essen verkaufen konnte. Frost atmete
erleichtert auf, als er Spiders Mail erhielt und vom erfolg-
reichen Verkauf las. Aufräumen und Schlußstriche ziehen – das tat
ihm gut.
Nicht immer, aber immer öfter, schlich sich wieder die Lust auf
Leben in sein Hirn. Frost surfte mit seinem Powerbook via Handy aus
seiner Zelle hinaus in eine virtuelle Welt. Dort stieß er sehr
schnell auf das St.
Blasia in Salzburg. Die
Tatsache, daß er nicht einmal eine Stunde benötigte, um den Club mit
dem Auto zu erreichen, kam ihm fast vor wie ein Fingerzeig Gottes,
dem er sich nicht entziehen wollte.
So ließ Frost ab und an Gott mit dem Finger auf Salzburg
deuten. Dort tobte er sich aus und kehrte gerne, aber keineswegs
reumütig, zurück hinter die schützenden Mauern des Klosters. Aber
Frost spürte von Mal zu Mal mehr, daß er nicht den Rest seines
Lebens im Schoße des Heiligen Johannes verbringen wollte.
Inzwischen war im hinterhöflichen
Serail Konstanze ihrer lilafarbenen Robe beraubt und mit den Armen
an einen Holzbalken gekettet worden. Eine von Osmin an ihren
Fußgelenken angebrachte Spreizstange sorgte für einen weit
geöffneten Schoß. Der Bassa näherte sich ihr, in der einen Hand eine
Neunschwänzige, in der anderen eine brennende Fackel, während
Konstanze verzweifelt versuchte, ihre Lippen playbackgemäß der
Arie anzupassen.
»Martern aller Art ...« Bassa Selim schlug ihr auf den Hintern.
»... mögen meiner warten. Ich verlache Qual und Pein.« Die Peitsche
malträtierte die Sennerinnentitten. »Nichts soll mich erschüttern.«
Selim schleuderte die Peitsche in die Kulissen und fuchtelte mit der
Fackel in der Luft herum.
»Willig, unverdrossen wähl ich jede Pein und Not.« Die Flammen
näherten sich Konstanzes Haut. »Ordne nur, gebiete, ...« Das Feuer
tanzte über Arme und Beine. »... lärme, tobe, wüte!« Leckte an
Nippeln und Spalt. »Zuletzt befreit mich doch der Tod.« Mit einem
schrillen, eigenen Schrei schloß Konstanze die Marter-Arie ab.
Frost mußte grinsen, denn er bezweifelte, daß der Schrei
dramaturgisch gewollt war. Vermut- lich hatte der Bassa Konstanze
das Fell jetzt tatsächlich angesengt.
Aber das war für Frost nicht weiter von Bedeutung. Nach einer Stunde
Show hatte er genug gesehen, wollte jetzt selbst aktiv werden. Frost
trank sein Bier aus, schob eine Hundert-Schilling-Note unter den
Aschenbecher und stand auf. Er schlenderte durch die engen
Tischreihen des gut besuchten Clubs und steuerte die Bar an, neben
der Subs und Tops darauf warteten, daß Gäste des Clubs sie
ansprachen.
Frost kannte die Spielregeln des St. Blasia.
Hatte ein Gast sich mit jemandem aus der Stammbesatzung
geeinigt, wie man es treiben wollte, ging er zum Mixer an die Bar
und erstand für hundert Dollar pro Stunde einen Schlüssel, der zu
einem der Kellerräume paßte. Die Betreiber waren clever genug, weder
auf den sterbenden Schilling zu setzen noch auf einen Euro mit
ungewisser Zukunft.
Auf den hochbeinigen Stühlen neben der Bar warteten drei Männer und
fünf Frauen auf dollarbewehrte Gäste. Die Männer sortierte Frost
gleich aus, die Frauen taxierte er. Zwei, beide in Lederoveralls,
waren offenkundig dominant. Danach stand ihm nicht der Sinn. Heute
gelüstete es ihn zu herrschen. Sein Blick fächerte über die drei
Opfer: ein rothaariges Hexchen, eine Braungelockte im Latexbody,
eine Heidi mit blonden Zöpfen.
Der Latexbody gefiel ihm, obgleich im offenen Schritt dichter Busch
sproß. Sie trug keine Strümpfe. Das dunkle Haar war zerwühlt,
erweckte den Eindruck, man hätte es ihr just besorgt. Frost
bedeutete dem Body, vom Hocker zu rutschen. Auf extrem hohen
Absätzen landete sie vor ihm, die Hände an die Beine gelegt, als
versuchte sie strammzustehen. Die sachertortenbraunen Augen
gaukelten ein verschüchtertes Hascherl vor, doch ihren Mund hatte
sie provokant geschminkt. Im rechten Nasenloch entdeckte Frost eine
weiße Pulverspur. Er beschloß, sie festzunehmen.
»Kommst du mit nach unten?« Mehr ein gut verpackter Befehl als eine
Frage.
»Wenn’s der Herr wünschen.« Wienerisch gefärbt, dazu die Spur eines
Lächelns, auf der Kippe zwischen gehorchen und aufbegehren.
»Es kann hart für dich werden.«
»Wenn’s der Herr wünschen.« Ihr Blick, eine Herausforderung.
Frost wandte sich dem Barkeeper zu, pflückte zwei
Hundert-Dollar-Noten aus der Innentasche seines schwarzen
Armani-Jacketts, schob sie über den Tresen und erfuhr, daß nur noch
die Räume Zwei und Drei frei seien. Frost kannte nur Eins und
Sieben.
»Die Drei«, kam es vom Latexbody. »Bitte.«
Frost nickte. Der Whiskymixer kassierte die Dollar, rückte den
Kellerschlüssel raus.
»Geh voraus!« Frost deutete mit dem Blick in die hintere Ecke des
Clubraums; dort führte eine Treppe nach unten.
Sie senkte den Blick, und Frost folgte zwei festen Arschbacken in
den Keller.
Unten war alles mit grauer Farbe gestrichen. An der Decke zwei
Neonröhren. Auf die acht Holztüren hatte man schmiedeeiserne Ziffern
geschraubt. Geräusche munteren Treibens füllten den Keller. Hinter
den Türen wurde gestöhnt, gejammert und gekeucht, manchmal klatschte
eine Peitsche, und von oben kamen Fetzen mozartscher Opernmusik.
Frost schloß die Drei auf. »Rein mit dir.«
Auf den ersten Blick enttäuschte die Ausstattung ihn; von den
Räumen, in denen er bisher gespielt hatte, war er mehr Gerätschaften
gewöhnt. In der Kellermitte stand ein tischhoher, oben mit Leder
bezogener Holzbock, daneben ein einfacher Drehhocker – beleuchtet
von vier wattschwachen Deckenstrahlern. In den Wänden waren in
Kniehöhe mehrere Ketten ver- ankert. Auf einem schwarzlackierten
Holzregal lagen diverse Utensilien.
Frost betrachtete seine Beute. »Wie heißt du?«
»I bin die Sissi.« Ihre hellwachen Hascherlaugen musterten den
kahlköpfigen Zweizentnermann im schwarzen Anzug, der unter seinem
Jackett einen dünnen, ebenfalls schwarzen Roll- kragenpullover trug.
Die Lippen brauchte sie nicht einmal zu bewegen, Frost las es in
ihrem Gesicht: Auch wenn du bezahlt hast, auch wenn du vielleicht
doppelt so alt bist wie ich, auch wenn du zwei Köpfe größer bist als
ich – ich bin diejenige, die Stop sagt.
Diese unterschwellige, nur angedeutete Provokation ließ Frost an
die vielen Verhöre denken, die er als Kommissar in Hamburg geführt
hatte. Er hörte wieder dieses Natürlich habe ich es getan, aber
du kannst es mir nicht beweisen; dieses Natürlich verkaufe
ich Stoff an Nutten, darum kann ich mir ja die besten Anwälte
leisten.
»Ausziehen!« Frost spürte, wie Lust aufkeimte, diese kleine
Kokserin zu verhören. Auf einmal gefiel ihm der spartanisch
eingerichtete, auf das Notwendigste reduzierte Keller.
Sissi löste die Träger ihres Bodys und rollte den Latex nach unten,
schob ihn über die Hüften. Er fiel an den Beinen hinab auf den
Boden. »Auch die Schuhe?« fragte sie, ließ ihre Lippen ein wenig
beben.
»Aber flott.«
Sissi stieg aus den Hochhackigen, kickte sie beiseite. »Und jetzt?«
Frost blickte auf Sissi herab. Auf das Hascherl mit den zerwühlten
Haaren, auf die etwas hochgezogenen Schultern, auf die unsicher vor
dem Bauchnabel nach Halt suchenden Hände und auf prächtige Brüste,
die der Schwerkraft trotzten. Er packte ihr Kinn, zog den Kopf hoch.
»Jetzt werden wir uns lange und ausgiebig unterhalten.« Er ließ sie
los. »Gnade dir Gott, wenn du verstockt bist.« Frost deutete auf den
Holzbock. »Mit dem Rücken darauf.«
Geschmeidig, als wäre es eine lang eingeübte Choreographie, schwang
Sissi sich auf den Bock, streckte Arme und Beine seesternartig aus.
Als Frost ihr an Händen und Füßen Lederfesseln anlegte und diese
durch kleine Karabinerhaken mit den Eisenketten verband, überlegte
er, warum Sissi wohl auf Raum Drei bestanden hatte. Im Regal lagen
genügend Spielsachen, um es herauszufinden.
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