Er hielt den Camcorder an und schaltete
die Deckenfluter aus. Es war vorbei; er räumte auf. Den Abfall
steckte er in eine Aluminiumbox, die nur wenig größer war als ein
Schuhkarton. Den Deckel verschloß er mit Metallkleber. Das
Gummilaken und das Werkzeug, das er wiederverwenden wird, reinigte
er und legte es akkurat zurück in den Stahlschrank.
Dann entnahm er dem Schrank eine in rotbraunes Leder gebundene Bibel
und schlug sie auf, dort, wo das alte Schwarzweißbild zwischen den
Seiten steckte. Er schloß die Augen und küßte den Text. Dabei
drückte er die Nase in das Buch und sog den Geruch des alten Papiers
tief ein. Noch bevor er ausatmete, verschwand die Bibel wieder im
Stahlschrank.
Seine Bewegungen liefen mechanisch ab. Einem aufmerksamen Beobachter
jedoch wäre aufgefallen, daß der Mann – er war Ende Fünfzig –
manchmal am ganzen Körper zuckte, als überfiele ihn, zwei oder drei
Sekunden lang, ein Schüttelfrost. Nur seine Backenmuskeln vibrierten
einen Moment länger, wie heftig angeschlagene Saiten, die
ausklingen.
Über einem kleinen Waschbecken wusch er sich zuerst die Hände mit
Seife, danach desinfizierte er sie mit Sterilium. Seine Hände waren
sehr gepflegt, die Nägel perfekt gefeilt. An der linken Hand fehlte
am kleinen Finger die obere Hälfte.
Er stülpte über die Aluminiumbox, die er zuvor auf die Längsseite
gestellt hatte, einen bodenlosen, schwarzen Aktenkoffer und ließ
einen Haltemechanismus einrasten. Dann verließ der Mann den Keller
seines Hauses und schloß die schalldichte Eisentüre ab. Den
Aktenkoffer nahm er mit. Er lebte allein in diesem Haus, das Platz
bot für eine ganze Familie.
Oben duschte er und kleidete sich an: unauffälliger, grauer
Straßenanzug, blaßblaues Hemd, dazu eine uni Krawatte.
Er holte seinen Opel Omega aus der Garage; den Aktenkoffer legte er
auf den Rücksitz. Die Uhr im Armaturenbrett zeigte 20:55, als er
sein Grundstück verließ. Der frisch polierte, weiße Autolack
strahlte im Licht der Straßenlaternen; wäre der Wagen mit
Blumengirlanden geschmückt gewesen, er hätte zu einem Hochzeitskorso
gehören können.
Er fuhr ein Stück an der Ruhr entlang, dort, wo das große Essener
Klärwerk liegt, das die Scheiße der Großstadt in klares Wasser
wandelt. Der Mann hielt sich an alle Verkehrsregeln, rauchte nicht
einmal im Auto. Das Radio hatte er eingeschaltet und auf Polizeifunk
gestellt: Bisher war es eine ruhige Nacht.
In Rellinghausen überquerte er die Ruhr und lenkte den Opel über die
Ruhrallee zur Autobahn. An der Fahrertüre senkte er etwas die
Seitenscheibe, spürte den Fahrtwind. Es war Mitte März. Die Luft
stand auf der Wasserscheide zwischen Winter und Frühling. Im Revier
ist die Luft jetzt sauber, das ganze Jahr über. Es gibt keine
rußenden Schornsteine mehr, und Schlote schleudern nicht weiter
ihren Dreck in den Himmel. Fast überall stehen die Räder in den
Fördertürmen der Zechen still.
Kurz vor Bochum verließ er den Ruhrschnellweg, fuhr Richtung
Gelsenkirchen. Der Polizeifunk meldete eine Schlägerei am Essener
Hauptbahnhof. Zwei Streifenwagen erhielten den Marschbefehl,
während der Mann von der Bundesstraße abbog und auf eine Phalanx von
Bogenlampen zufuhr, die gelbweißes Licht auf hohe,
stacheldrahtbewehrte Zäune spien.
Am Tor A war der Schlagbaum geschlossen. Er hielt an. Der
Wachhabende in seiner gläsernen Pforte erkannte ihn sofort, grüßte
artig – »Guten Abend, Herr Direktor.« – und öffnete die Schranke,
damit er auf seinen Parkplatz fahren konnte.
Als er den Aktenkoffer vom Rücksitz nahm, war es halb zehn. In einer
halben Stunde würde die Spätschicht zu Ende gehen; dann war
Schichtwechsel. Der Direktor begab sich nicht in sein Büro, sondern
er setzte seinen Sicherheitshelm auf und betrat die Halle 2, in die
kleine Dieselloks rund um die Uhr schrottbeladene Eisenbahnwaggons
ziehen.
Träfe er auf einen der Arbeiter oder auf den Betriebsleiter, niemand
würde sich wundern, ihm so spät noch im Werk zu begegnen.
Allgemeine Überprüfung der Arbeitssicherheit nennt er das seit
Jahren und macht seine Rundgänge gerne am Abend.
Er stieg eine Eisentreppe hinauf bis zu einem der Stege, die, unter
der Decke aufgehängt, durch die riesige Halle führten. Auf Stufen
und Geländer lag, wie frisch gefallener Schnee, hellgrauer
Kalkstaub, und die Luft roch, als hätte jemand Hunderte von
Wunderkerzen abgebrannt. Er spürte, wie stets, wenn er sich in den
Werkshallen aufhielt, einen leichten Druck auf den Ohren, und für
ihn wurde hier drinnen jedes Geräusch von den Wänden zurückgeworfen
wie das gespenstische Echo in einer Geisterbahn.
In einer Höhe von etwa acht Metern eilte er über die feinmaschigen
Eisengitter des Steges durch eine fast menschenleere Halle. Eine
Laufkatze donnerte über ihre Schienen, transportierte an ihrem
Flaschenzug Stahlplatten. Mit einem Gabelstabler wurden gelbe Fässer
in ein Lager gefahren.
Als er den Teil der Halle erreicht hatte, in dem die
schrottbeladenen Güterwagen standen, bog er ab auf einen etwas
schmaleren Steg, an dessen rechter Seite zwei dicke Rohre
entlangliefen, durch die im Winter heißer Wasserdampf schießt. Links
unter ihm wartete ein Zug mit sechs vollbeladenen Güterwagen. Über
den Waggons fuhren zwei weitere Laufkatzen hin und her. Die eine
besaß einen Hubmagneten, die andere einen Greifbagger, der aussah
wie eine riesige Skeletthand. Sie luden den Schrott aus den
Güterwagen auf Halden und in einen runden, mehrere Meter hohen Korb,
der auf einem vielrädrigen Transportwagen schräg unter dem Laufsteg
stand.
Er hatte es vor einigen Jahren durch Zufall herausgefunden: Dort, wo
der Schrottkorb beladen wird, erfassen die Überwachungskameras nur
die Eisenbahnwaggons und den zu beladenden Korb, aber nicht den Steg
darüber. Fahren zudem beide Laufkatzen hintereinander von dem
Behälter weg, um neuen Schrott aus den Güterwagen zu greifen, hat
keiner der beiden Kranführer den Korb mehr im Blick.
Er blieb schräg über dem schon halb gefüllten Schrottkorb stehen und
beobachtete die Kräne. Als die Laufkatzen, laut wie Züge, die in
eine Bahnhofshalle eindringen, an ihm vorüberfuhren, begrüßte er mit
einem kurzen Kopfnicken die Kranführer. Dann wartete er ab, blickte
wie immer interessiert in den Korb, als ob er nach Teilen suchte,
die nicht hineingehörten. Und während er dort oben stand, seinen
Aktenkoffer in der rechten Hand, überfiel ihn wieder ein paar
Sekunden lang dieses leichte, kaum wahrnehmbare Zucken.
Heute mußte er nicht einmal fünf Minuten warten, bis es soweit war.
Beide Laufkatzen ließen den Schrottkorb hinter sich.
Mit einer flinken Handbewegung hob der Direktor den Aktenkoffer über
das Geländer, hielt ihn am ausgestreckten Arm über den Behälter und
löste den Haltemechanismus. Die Aluminiumbox fiel in die Tiefe und
verschwand in einem Gewirr von langen Eisenspänen, verbogenen
Blechen und Sprungfedern.
Wie immer, wenn er seinen Abfall von hier oben entsorgte, spuckte er
in die Tiefe. Aber nicht aus Aberglauben, um sich damit Glück zu
wünschen. Dies war die einzige Form von Ekel oder Abscheu, zu der er
noch fähig war. Ob es ihm in dieser guten Sekunde, die sein Auswurf
für den Weg von seinem Mund bis in den Schrott benötigte, mehr vor
sich selbst ekelte oder vor denjenigen, in deren Diensten er stand,
darauf hätte der Mann allerdings keine Antwort geben können.
Bevor die Laufkatzen zurückrollten, verließ der Direktor seinen
Platz und eilte den Steg entlang zu einem etwa hundert Meter
entfernten Leitstand.
Nur einmal blieb er für einen Moment stehen, als ein gewaltiges
Fauchen die Halle erfüllte und der Boden unter seinen Füßen bebte.
Feuerschein überzog die Wände und dicker, grauer Qualm schoß zur
Decke empor. Die drei gewaltigen Elektroden des Lichtbogenofens
hatten durchgezündet, und die Lichtbögen begannen, mehr als hundert
Tonnen Schrott zu kochen.
Der Direktor betrat den Leitstand und begrüßte mit seiner näselnden
Stimme – »Na, meine Herren, bald haben wir es ja wieder einmal
geschafft.« – die beiden Arbeiter, die von hier auf einem Dutzend
Monitoren die gesamte Werkshalle überwachten.
Ob es während der Schicht etwas Besonderes gegeben habe, wollte er
wissen.
Beide verneinten.
Er erging sich ein paar Minuten in zwangloser Konversation über die
derzeit katastrophale Tabellensituation von Schalke 04 und
erkundigte sich nach dem Zustand der Schrebergärten.
Ihre Antworten, die ihn nicht wirklich interessierten, kommentierte
er mit – »So, so.« – oder – »Ach, was.« –, wobei er hin und wieder
durch die staubverschmierten Scheiben des Leitstandes blickte, zu
den beiden Laufkatzen, die immer noch den Korb beluden, in den er
seinen Abfall entsorgt hatte.
»Meine Herren, kommen Sie gut nach Hause«, sagte er schließlich zu
den beiden.
»Jawoll, Herr Zinner, Sie auch.«
»Dat werden wir schon schaffen.«
Zinner schenkte jedem zum Abschied ein kollegiales
Vorgesetztenlächeln und verließ den Leitstand.
Einen Augenblick verharrte er noch auf dem Steg und sah in die
riesige Halle. Eine Zugmaschine rollte auf den inzwischen ganz
gefüllten Schrottkorb zu und wurde an den Transportwagen gekuppelt.
Da schritt Zinner zum Ende des Steges und stieg eine Eisentreppe
hinab. Er verließ die Werkshalle, setzte seinen Helm ab und begab
sich in die Direktionsetage.
Er weiß: In knapp zwei Stunden wird der Lichtbogenofen neu mit
Schrott beladen. Dann fährt die Nachtschicht seinen Behälter als
ersten zum Ofen. Zwei weitere Schrottkörbe werden folgen. Und gegen
Mitternacht zünden wieder die Lichtbögen durch und verwandeln den
Inhalt des Ofens in rotglühendes Metall.
KRITIKEN
Ich finde diesen leicht übergewichtigen, in sich sehr
verschlossenen Frost mit messerscharfem Verstand, der ewig im Hader
mit sich selbst liegt, sympathisch. Ich mag den klaren Schreibstil
von Gregor Sakow, die liebevoll zusammengetragenen Details wie Musik
oder Filme und lese die eingestreuten SM-Eskapaden mit einem
genüßlichen Lächeln.
Ich war beim Lesen gut unterhalten und kann diesen spannenden Mix aus
Krimi und sexuellem Abenteuer der Hauptfigur nur empfehlen.
Bee - Schlagzeilen Nr. 66
Sakow hat einen
mit deftigen und originellen SM-Szenen gespickten Krimi abgeliefert,
bei dem die Rahmenhandlung nicht nur das Gerüst für die
"Spielszenen" abliefert, sondern einen soliden und spannenden Krimi
darstellt.
Der Krimi wird wohl nur demjenigen nicht gefallen, der
Verschwörungstheorien jeder Art von vornherein ablehnt - für alle
anderen ist er, abgesehen von dem etwas konstruiert wirkenden Ende,
eine sorgfältig durchkonzipierte Geschichte mit hohem
Spannungsfaktor, die auch ohne die SM-Szenen tragfähig und
lesenswert ist.
extensis - Lustschmerz / Febr. 2003
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