Leseprobe aus: DIE LOGE

Es gab Schwein im Schlafrock: scharf gewürztes Hack gehüllt in knusperigen Blätterteig. Brokkoli mit Muskatsauce und schwarzen Reis. Dazu einen leichten französischen Weißwein. Im Hintergrund spielte Keith Jarrett leise seine Goldberg Variationen. Die Balkontür war halb geöffnet. Von draußen kam frische, kühle Luft in die Wohnung und der Geruch feuchter Tannen. Der Himmel über dem Alstertal war klar, der Horizont geschmückt mit Abendrot. Renate Schilderey tupfte mit einer dunkelblauen Stoffservierte ihre Lippen ab, legte das Silberbesteck auf den schwarzen Porzellanteller, nahm einen Schluck Wein. Ihre Fingernägel waren lang und frisch lackiert in einem glänzenden Bordeauxrot. An den drei mittleren Fingern jeder Hand steckten Ringe aus Gold. Sie trug einen Satin-Kimono, in der Farbe ihres Nagellacks, den Gürtel nur locker um die Taille geschlungen. Re betrachtete die Baccara-Rose in der Kristallvase auf dem runden, weißen Eßtisch.
»Für den Gewinner, nicht wahr?« Sie spitzte ihren Mund, überlegte, ob sie auf den Deal einsteigen sollte.
»Hast du etwas anderes erwartet, nach deinem Anruf heute Morgen?« Frost gab drei Spritzer Tabasco auf sein restliches Hack, aß alles auf und spülte mit Wein nach.
»Ich wußte gar nicht, daß ihr eine neue Kollegin habt.«

»Sie hat erst heute bei uns angefangen. Curd hat die Stelle von Hendrik neu besetzt.« Er trank sein Weinglas aus. »Aber lassen wir das.« Er deutete auf die Rose, »Ohne Limit?«, sah dabei Renate an. Ihr haselnußbraunes, gelocktes Haar reichte bis zu den Schultern. Die kräftigen Backenknochen und das kühle Dschungelgrün ihrer Augen verliehen ihrem ebenmäßigen Gesicht einen Hauch von Strenge, der, gepaart mit einem undurchschaubaren Lächeln, schon in der ersten gemeinsamen Nacht Frost dazu verleitet hatte, sie Königin von Saba zu nennen.
Sie überlegte noch einen Moment, dann strich sie mit der Zungenspitze über ihre Lippen. »Yes, Sir.« Oberstudienrätin Schilderey unterrichtete Englisch, Deutsch und Geschichte - am liebsten in der Oberstufe. Sie stand auf, räumte das Geschirr zusammen. Zwei Kater, die bisher träge auf der Couch gelegen hatten, hoben die Köpfe, richteten die Ohren auf. Als Renate in die Küche ging, folgten sie ihr. Der eine schwarz mit einem weißen Lätzchen auf der Brust, der andere braunweiß gefleckt. Jules und Jim.
Frost stelle die Vase mit der Rose auf den flachen, quadratischen Spieltisch aus Ebenholz, dessen Platte mit Intarsien aus Elfenbein verziert war. Dann holte er zwei Lederhandschuhe aus dem Schrank - einen großen für sich, einen kleineren für Re - legte sie neben die Vase und nahm Platz auf einem der beiden bunt bestickten Sitzkissen. Er trug nur einen kurzen Hausmantel aus schwarzer Seide, darunter leuchtendrote Boxershorts. Frost öffnete den Lederkoffer des Backgammonspiels, verteilte die dreißig Figuren auf die roten und schwarzen Zacken. Wie immer schwarz für ihn und rot für sie. Für jeden einen Würfelbecher mit zwei Würfeln. Der Würfeldoppler lag noch am Rand.
Am späten Nachmittag war er noch einmal zu der S-Bahn-Station gefahren, an der Hella ihre Glastiere verkauft hatte. Jedoch in der Passage unter den Bahnsteigen gab es kein graues Wolltuch mehr, keine Frau in einem selbstgestrickten Pullover mit aufgenähter Palme, keine Schildkröten aus grünem Glas. Frost läßt einen Würfel in seinen Becher fallen, sieht Hella, wie sie in ihrem Zuhause über dem Lagerhaus auf der Matratze liegt, auf einer Seifenblase reitend, das Zepter ihres Gurus leckt. 
Inzwischen war Renate zurückgekommen. Sie schaltete die Musik aus und setzte sich Frost gegenüber, schlug die langen Beine übereinander. Die Kimonoschöße rutschten zur Seite, gaben den Blick frei auf schlanke Schenkel und einen winzigen schwarzen Slip.

Re startete mit einer Sechs, Frost warf eine Drei. Re begann, drehte sofort den Würfeldoppler auf 2, machte schon bald die ersten Hits. Frost holte auf, warf mehrmals einen Pasch. Re konterte. Nach einer Viertelstunde legte Frost den Würfeldoppler auf 16. Wenig später verließ ihn das Glück. Er hatte noch keinen Stein ausspielen können, als Re ihr Home-Feld zur Gänze leerte.
»Gammon, mein Lieber«, sagte die Königin von Saba. »Zwei mal 16 ist ...?«
»Zweiunddreißig!« fluchte Frost, wohl wissend was nun kam.
Renates rechte Hand schlüpfte in ihren Lederhandschuh, griff nach der Rose. »Ausziehen!«
Frost stand auf, ließ den Seidenmantel fallen, stieg aus den Boxershorts und schritt über den türkisblauen Teppichboden zum Schlafzimmer, die Blätter der Rose auf seinem Rücken spürend. In der Küche mauzten die Kater.
 

 

KRITIKEN

Ein ungeheuer spannendes Buch, bei dem man irgendwann den Punkt erreicht, wo man es nicht mehr weglegen kann. Ein Buch, mit Wortwitz, skurrilen, intelligenten Hauptfiguren und einer Handlung, die zwar absehbar ist, aber doch so viele Windungen und Ecken hat, daß man sich zuweilen als Mitermittler und Freizeitdetektiv verrennt. Besonders lesenwert macht Die Loge der Hauptdarsteller, Robert Frost.
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Ein Bulle, der auf Konventionen scheißt, sich mit Leuten anlegt, mit denen man sich auf der Karriereleiter besser nicht anlegen sollte, äußerlich knallhart und innen butterweich, sensibel, zerbrechlich.
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Sakows Krimi ist ein heißer Tip für die Urlaubslektüre, garantiert etliche Stunden Spannung, so manche Gänsehaut und auch das eine oder andere Lächeln.

Lack & Leder 6/1999

 

Aus der Story ließe sich ein hervorragender Tatort machen, besonders deshalb, weil dieser Kommissar Stil, Gefühl und Charakter hat. Frost geht einem unter die Haut.
Die Loge ist ist ein gut geschriebener Thriller im Stil von Raymond Chandler und Elmor Leonard. Freunde knallharter Krimis kommen voll auf ihre Kosten.

Twilight 6/1999

 

Frost - Marke City-Cowboy - der die Gerechtigkeit am liebsten in die eigenen Fäuste nimmt, ist offensichtlich irgendwie als Sympathieträger gedacht, aber das geht schief. Nicht nur, weil er - wie auch alle anderen Figuren - keine überzeugenden Konturen gewinnt. Um einen Typ, der den Körper jeder auftretenden Frauenfigur sabbert abtaxiert und aus Eifersucht auch mal eine Vergewaltigung begeht, für einen sexistischen Macho zu halten, muß mensch keine hundertfünfzigprozentige Feministin sein. Die Wendung am Schluß, durch die der Protagonist im Umgang mit seinen Gelüsten erschüttert wird, bleibt blaß und rettet auch nichts mehr.

taz 14.7.1999

 

Was erwarten wir von einem Kriminalroman? Spannende Unterhaltung - nicht mehr und nicht weniger! Sakow schafft es mit seiner schnörkellosen Sprache, den klar umrissenen Figuren und den detailgetreuen Hamburger Schauplätzen, den Leser in seinen Bann zu ziehen. 
Sein Serienheld Robert Frost ist ein gestandenes Mannsbild, das nach dem Motto hart aber herzlich agiert und auf sämtliche Konventionen scheißt. Er wird immer wieder mit traumatischen Erlebnissen seiner Vergangenheit, wie dem Tod einer Kollegin konfrontiert und steht einem scheinbar übermächtigen Gegner gegenüber. Seine Methoden sind eher gewalttätig und überschreiten ständig die Grenzen der Legalität. Im Zusammenhang mit seiner facettenreichen Sexualität als Switcher, seinem Hang zur Anarchie und seiner unverhohlenen Symphatie für gesellschaftliche Randgruppen gewinnt die Person Robert Frost an Format. 

Stefan / LUSTSCHMERZ / 07-2001

 

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